Schulentfremdung in der Sekundarstufe - zum Potential netzwerkanalytischer Untersuchungen

Breins B, Gläser-Zikuda M, Quarda-Häußler AK (2026)


Publication Type: Conference contribution, Conference Contribution

Publication year: 2026

Event location: TU München

Abstract

Hintergrund

Unter Schulentfremdung wird eine Distanzierung von Lernenden gegenüber schulischem Lernen, Lehrkräften und Mitschüler:innen verstanden (Hascher & Hadjar, 2018). Sie hängt eng mit schulischer Motivation, Leistung und Abbruchintentionen zusammen (Finn & Zimmer, 2012). Bisher wurden meist Faktorenmodelle genutzt, während die Netzwerkanalyse (Epskamp, Borsboom & Fried, 2018) Items als interagierende Einheiten modelliert und zentrale Symptome sowie Brücken identifiziert. Untersucht wurde in der vorliegenden Studie, ob sich die Struktur der Subdimensionen von Schulentfremdung über Jahrgangsstufen hinweg verändert oder ob Unterschiede in der Stärke der Relationen zwischen den Subdimensionen und Items bestehen.

Methode

Analysiert wurden Daten von N = 1.965 Schüler:innen der Jahrgangsstufen 5 (n = 625), 7 (n = 659) und 9 (n = 681). Die 24 Items zur Schulentfremdung (Morinaj et al., 2020) erfassten drei Dimensionen: Entfremdung vom Lernen, von Lehrkräften und von Mitschüler:innen. Die Netzwerke wurden als Gaussian Graphical Models mit EBICglasso-Regularisierung (γ = .5) und Spearman-Korrelationen geschätzt (Friedman, Hastie & Tibshirani, 2008). Die Stabilität wurde per Bootstrapping (500 Resamples) überprüft; zentrales Maß war die Knotenstärke. Brückenwerte wurden über bridge expected influence berechnet (Jones, Ma & McNally, 2021). Unterschiede zwischen Jahrgängen wurden mit dem Network Comparison Test (NCT; van Borkulo et al., 2022) getestet (1.000 Permutationen). Zusätzlich wurden Skalenmittelwerte gebildet, Varianzhomogenität mittels Levene-Test überprüft und Unterschiede mit (Welch-)ANOVAs sowie Post-Hoc-Tests analysiert (Field, Miles & Field, 2012).

Ergebnisse

Das Gesamtnetzwerk war stabil (Strength CS = 0.75). Als zentrale Items wurden identifiziert: „Die Lehrerinnen und Lehrer gehen mir auf die Nerven“ (höchste Stärke; Strength = 0.63, 95%-CI [0.53–0.73]) sowie „Was wir in der Schule lernen, bringt mir nichts für mein Leben“. Diese Items fungierten auch als Brücken zwischen den Dimensionen. Der NCT zeigte eine höhere Netzwerkstärke für die 7. als für die Klassenstufe 5 (p = .009) und die 9. Klassenstufe (p = .016), ohne Strukturunterschiede (p > .05). Einzelne Items gewannen an Zentralität, z. B. „Ich finde es sinnlos, was wir in der Schule lernen müssen“ in Klassenstufe 7 (p = .003) (Jones, Ma & McNally, 2021; van Borkulo et al., 2022).

Es zeigten sich folgende Mittelwerte für die Entfremdung

• vom Lernen: Jahrgangsstufe 5 (M = 2.30, SD = .84), Jahrgangsstufe 7 (M = 2.69, SD = .77), Jahrgangsstufe 9 (M = 2.77, SD = .73).

• von Lehrkräften: Jahrgangsstufe 5 (M = 2.11, SD = .81), Jahrgangsstufe 7 (M = 2.45, SD = .78), Jahrgangsstufe 9 (M = 2.59, SD = .75).

• von Mitschüler:innen: Werte stabil (M ≈ 2.4).

Varianzanalysen ergaben für die Entfremdung vom Lernen eine signifikante Differenz (F(2,1293) = 61.3, p < .001), wobei Klassenstufe 5 niedriger als die Klassenstufen 7 und 9 lag, sowie zwischen 7 und 9 kein Unterschied bestand. Für die Entfremdung von den Lehrkräften zeigte sich ein linearer Anstieg (F(2,1962) = 64.9, p < .001), für die von den Mitschüler:innen nicht (F(2,1962) = 1.96, p = .142).

Diskussion

Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass Schulentfremdung insbesondere dann kritisch wird, wenn zwei zentrale Bereiche belastet sind: die Qualität der Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schüler:innen sowie die wahrgenommene Sinnhaftigkeit schulischen Lernens. Bisherige Studien zeigen, dass mangelnde Unterstützung und Fairness der Lehrkräfte zu Distanz gegenüber der Schule beitragen. Problematisch ist auch, wenn Schüler:innen den Lernstoff als irrelevant oder nutzlos erleben. Diese beiden Dimensionen gelten als Schlüsselfaktoren für Schulentfremdung (Gläser-Zikuda et al., 2024; Hascher & Hadjar, 2018).

Daraus ergeben sich mehrere Implikationen: Prävention sollte frühzeitig ansetzen, da bereits in der 7. Jahrgangsstufe eine deutliche Intensivierung der Entfremdung erkennbar wird (van Borkulo et al., 2022). Didaktische Maßnahmen, die Sinnhaftigkeit der Lerninhalte verdeutlichen, können Entfremdung entgegenwirken (Finn & Zimmer, 2012; Gläser-Zikuda et al., 2024). Die Netzwerkanalyse hilft, zentrale Knotenpunkte für Prävention zu identifizieren (Jones, Ma & McNally, 2021). Limitationen werden abschließend diskutiert.


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How to cite

APA:

Breins, B., Gläser-Zikuda, M., & Quarda-Häußler, A.-K. (2026). Schulentfremdung in der Sekundarstufe - zum Potential netzwerkanalytischer Untersuchungen. In Proceedings of the 13. Kongress der Gesellschaft für empirische Bildungsforschung GEBF. TU München.

MLA:

Breins, Berit, Michaela Gläser-Zikuda, and Ann-Kathrin Quarda-Häußler. "Schulentfremdung in der Sekundarstufe - zum Potential netzwerkanalytischer Untersuchungen." Proceedings of the 13. Kongress der Gesellschaft für empirische Bildungsforschung GEBF, TU München 2026.

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