Popp J, Grüne E, Fiedler DV, Geidl W, Sudeck G, Pfeifer K (2026)
Publication Type: Conference contribution, Abstract of lecture
Publication year: 2026
Series: Deutscher Kongress für Rehabilitationsforschung. Fairsorgt in der Reha? Vielfalt leben – Chancengleichheit schaffen.
Book Volume: 132
Pages Range: 68-70
Conference Proceedings Title: 35. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium
Event location: Leipzig
ISBN: 978-3-947949-28-1
Hintergrund und Zielstellung
Ein zentrales Ziel der Bewegungstherapie in der medizinischen Rehabilitation ist die Befähigung von Rehabilitand*innen, eigenständig körperlich aktiv zu sein. Die Aufrechterhaltung eines körperlich aktiven Lebensstils nach Rehabilitationsabschluss ist für viele Rehabilitand*innen jedoch herausfordernd. Die kürzlich veröffentlichten Praxisempfehlungen für eine bewegungsförderliche Bewegungstherapie (Pfeifer et al., 2025) unterstützen Akteur*innen der medizinischen Rehabilitation dabei, langfristige Bewegungsförderung stärker in der Rehabilitationspraxis zu verankern. Bislang liegen nur wenige Erkenntnisse zur Perspektive der Rehabilitand*innen vor. Ziel dieser Untersuchung im Rahmen des Projekts STABEKO (gefördert von DRV Bayern Süd und DRV Nordbayern) ist daher die Beantwortung der Frage, welche Elemente der Bewegungstherapie Rehabilitand*innen als förderlich oder hemmend für langfristige körperliche Aktivität wahrnehmen.
Methoden
Die Sichtweisen von Rehabilitand*innen auf Elemente einer bewegungsförderlichen Bewegungstherapie waren Gegenstand von drei semi-strukturierten Fokusgruppen in drei bayerischen Rehabilitationseinrichtungen. Die Fokusgruppen fanden zwischen Mai 2024 und März 2025 statt und dauerten zwischen 80 und 95 Minuten. Insgesamt nahmen 25 Rehabilitand*innen daran teil (Klinik A: n = 6; Klinik B: n = 11; Klinik C: n = 8). Die Auswertung erfolgte in Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018). Die deduktive Definition von Hauptkategorien erfolgte auf Basis der qualitätsrelevanten Handlungs-/Inhaltsbereiche einer bewegungsförderlichen Bewegungstherapie (Geidl et al., 2022). Die Definition von Zwischen- und Subkategorien erfolgte induktiv, angelehnt an die inhaltliche Zuordnung von Geidl et al. (2022). Anhand zusammenfassender Fallübersichten wurden zentrale Themen und Muster identifiziert. Die qualitative Auswertung wurde mit MAXQDA (Version 24.11.0) durchgeführt.
Ergebnisse
Die Auswertung der Fokusgruppen erfolgte entlang von sieben Hauptkategorien: Zuweisung; Assessment; Therapieziele; Therapieinhalte und -formate; Arbeitsweisen und Rollen; Therapiekontrolle und -anpassung; Sonstiges. Die Hauptkategorie „Therapieinhalte und -formate“ umfasste aufgrund der inhaltlichen Breite fünf Zwischenkategorien: Bewegungspraktische Angebote; Wissensvermittlung und Beratung; Erleben von Bewegung; Umsetzung und Format; Medien und Materialien. Unter den insgesamt 34 Subkategorien beschrieben die Teilnehmenden sowohl förderliche als auch hemmende Elemente der Bewegungstherapie im Hinblick auf eine langfristige Bewegungsförderung. Als unterstützend wurden beispielsweise das Kennenlernen einfacher und alltagsnaher Übungen, die Vermittlung von Handlungs- und Effektwissen, die Beratung zu Nachsorgeprogrammen, die erlebte Freude an Bewegung, das motivierende Erleben eigener Fortschritte und die Verknüpfung von Theorie und Praxis hervorgehoben. Erschwerend wirkten beispielsweise die geringen Mitbestimmungsmöglichkeiten bei der Zuweisung therapeutischer Maßnahmen, fehlende Räume für eigenständige körperliche Aktivität, die mangelnde individuelle Bewegungsplanung für die Zeit nach der Rehabilitation sowie das Fehlen schriftlicher Übungsanleitungen. Die therapeutische Anleitung und Betreuung wurden insgesamt positiv wahrgenommen, zugleich wurden Wünsche nach einer kontinuierlichen und individuellen Begleitung geäußert. Die Einschätzungen zur Passung bestehender Nachsorgeprogramme fielen unterschiedlich aus. Zwischen den Fokusgruppen zeigten sich lediglich geringe Unterschiede.
Diskussion und Fazit
Die qualitativen Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild der Bewegungstherapie in drei Rehabilitationseinrichtungen aus der Perspektive von Rehabilitand*innen. Förderlich für die Aufrechterhaltung körperlicher Aktivität nach der Rehabilitation wirkten insbesondere positive Bewegungserfahrungen, Wissensvermittlung und Beratung. Verbesserungspotenzial bestand unter anderem in der individuellen, personorientierten Planung von Bewegung bzw. des Transfers in den Alltag. Insgesamt spiegeln die Aussagen der Rehabilitand*innen zentrale Inhalte der aktuellen Praxisempfehlungen wider. Einige der Empfehlungen scheinen in der bewegungstherapeutischen Praxis der drei Einrichtungen bereits verankert zu sein, etwa „B1 Verknüpfung von Trainieren, Üben, Lernen und Erleben“ sowie „C6 Motivation und positive Bewegungserfahrungen“; während Empfehlungen wie „C8 Absichten abschirmen und Verhalten planen“ und „C9 Weiterführung am Wohnort“ bislang eine geringere Umsetzung zu erfahren scheinen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, die Perspektive von Rehabilitand*innen systematisch in die Umsetzung der Praxisempfehlungen sowie in die Weiterentwicklung bewegungstherapeutischer Inhalte und Strukturen einzubeziehen. So können die Bedarfe der Rehabilitand*innen bzw. einzelne Praxisempfehlungen gezielter fokussiert werden, um Rehabilitand*innen bestmöglich in der Initiierung und Aufrechterhaltung eines körperlich aktiven Lebensstils zu unterstützen. Die Ergebnisse legen zudem nahe, Aspekte der langfristigen Bewegungsplanung und Personorientierung künftig stärker in den Blick zu nehmen, um Rehabilitand*innen zu eigenständiger und langfristiger körperlicher Aktivität zu befähigen.
Take-Home-Message
Langfristige Bewegungsförderung in der medizinischen Rehabilitation erfordert die Berücksichtigung der Rehabilitand*innen-Perspektive, die Vermittlung von Strategien der langfristigen Bewegungsplanung sowie eine personorientierte Begleitung des Übergangs in den Alltag.
Literatur
Geidl, W., Sudeck, G., Wais, J., Pfeifer, K. (2022): Bewegungsförderliche Bewegungstherapie in der medizinischen Rehabilitation: Konsequenzen der bundesweiten Bestandsaufnahme für die Qualitätsentwicklung. Rehabilitation, 61, 336-343.
Kuckartz U. (2018): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung: Grundlagentexte Methoden (4., überarbeitete Aufl.). Beltz Juventa.
Pfeifer, K., Sudeck, G., Geidl, W., Jung, A., Matting, L. (2025, März): Bewegungsförderung in der medizinischen Rehabilitation: Praxisempfehlungen für die Bewegungstherapie [Projektbericht]. https://www.sport.fau.de/files/2025/08/PRO-BT_Praxisempfehlungen-und-Hintergrundtexte.pdf (abgerufen am 20.10.2025)
Interessenkonflikt: Die Autor:innen haben keinen Interessenkonflikt angegeben.
Förderung: Deutsche Rentenversicherung Bayern Süd und Deutsche Rentenversicherung Nordbayern
APA:
Popp, J., Grüne, E., Fiedler, D.V., Geidl, W., Sudeck, G., & Pfeifer, K. (2026). Langfristige Bewegungsförderung in der medizinischen Rehabilitation – Ergebnisse einer klinikübergreifenden qualitativen Analyse von Rehabilitand*innen-Perspektiven. Paper presentation at 34. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium, Leipzig.
MLA:
Popp, Johanna, et al. "Langfristige Bewegungsförderung in der medizinischen Rehabilitation – Ergebnisse einer klinikübergreifenden qualitativen Analyse von Rehabilitand*innen-Perspektiven." Presented at 34. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium, Leipzig Ed. Deutsche Rentenversicherung Bund, 2026.
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