Literarischer Untergrund. Schriftstellerische Produktion in nichtakademischen Milieus des 17. bis 19. Jahrhunderts

Drittmittelfinanzierte Einzelförderung


Details zum Projekt

Projektleiter/in:
apl. Prof. Dr. Werner Wilhelm Schnabel


Beteiligte FAU-Organisationseinheiten:
Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur mit systematischem Schwerpunkt

Mittelgeber: Fritz Thyssen Stiftung
Projektstart: 01.01.2005
Projektende: 31.12.2025


Forschungsbereiche

Kultur der Frühen Neuzeit
Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur mit systematischem Schwerpunkt


Abstract (fachliche Beschreibung):


Der Bestand an deutscher Literatur, der im Licht heutiger literaturwissenschaftlicher Forschung als kanonisiert gilt, stammt bis weit ins 19. Jahrhundert hinein im Wesentlichen von männlichen protestantischen Angehörigen der akademischen Bildungsschicht, die durch eben diesen Hintergrund über einen relativ homogenen Wissens- und Wertungshorizont verfügten. Dabei trifft man bei unvoreingenommener Auswertung der schriftstellerischen Produktion auch zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert auf eine überraschend hohe Zahl von Autoren, die trotz fehlender höherer Schul- oder gar Universitätsbildung produktiv am literarischen Leben teilnahmen. Sie verfaßten und publizierten Texte aller denkbaren Gattungen, die sich zum Teil an den Konventionen der „Bildungsliteratur“ orientierten, zum Teil aber inhaltlich und formal auch eigenen, alteritären Traditionen folgten.



Das Forschungsprojekt soll zum einen die Entstehensbedingungen und Funktionen literarischer Werke rekonstruieren, die in bildungsfernen Milieus entstanden sind („Sitz von Literatur im Leben“). Zum anderen sollen die Formen, rhetorischen Verfahren und Kunstmittel analysiert und die immanente Poetik derartiger Literatur beleuchtet werden.



Anstatt der in der Literaturwissenschaft bislang gängigen Opposition zwischen ‘Gelehrtenliteratur’ und ‘Volksliteratur’ bzw. ‘populärer Literatur’ wird dabei ein Milieu-Modell angewandt, das auf sozial- und bildungsgeschichtlichen Quellen basiert und eine angemessenere Binnendifferenzierung auch nichtintellektueller Autorenkreise erlaubt. Milieus werden durch eine Vielzahl korrelierender Elemente (neben Geburts- und Rechtsstand auch Konfession und Bildungsgang, Beruf und Status, Vermögen, soziale und politische Loyalitäten etc.) bestimmt; zentral für die literarische Produktion scheinen dabei v.a. die Stufungen der Teilhabe an der „Bildungstradition“ zu sein, d.h. Wissensinhalten und Formvorschriften, die im akademischen Unterricht vermittelt wurden.



Ein solcher Ansatz erlaubt es einmal, relativ direkte Interdependenzen zwischen der Rhetorizität der Texte und ihren außerliterarischen Kontexten aufzudecken. Er ermöglicht zum anderen einen differenzierteren Blick auf die Literaturhistorie, die nur scheinbar durch den heute konsekrierten „Mainstream“, tatsächlich aber durch mehrere „literarische Kulturen“ geprägt war, die in komplexer Gemengelage nebeneinander existierten und jeweils über bestimmte Trägerschichten und Geltungsbereiche verfügten.



Teilprojekte:





  • Werkausgabe Wilhelm Weber (abgeschlossen)





  • Poetische Neujahrswünsche





  • Lob des Handwerks




Publikationen

Schnabel, W.W. (2017). Kriegspanorama. Literarische Imaginationen und ihre Positionierungsfunktion am Beispiel nichtkanonisierter Literatur. In Dirk Niefanger / Werner Wilhelm Schnabel (Eds.), Positionierungen. Pragmatische Perspektiven auf Literatur und Musik der Frühneuzeit (pp. 223-263). Göttingen: V&R unipress.
Schnabel, W.W. (2017). Nichakademisches Dichten im 17. Jahrhundert. Wilhelm Weber, "teutscher Poet vnd Spruchsprecher" in Nürnberg. Berlin, Boston: De Gruyter.
Schnabel, W.W. (2015). Ein Ereignis – zwei Gedichte. Die Kraftshofer Kirchweih und das Kirchweihschießen von 1641. In Die St. Georgskirche in Kraftshof 1315-2015. Geschichte eines Baudenkmals und seiner Ausstattung (pp. 272-297). Lauf.
Schnabel, W.W. (2015). Poetische Neujahrswünsche. Nürnberger Spruchsprecherblätter als Medien nichtakademischer Belehrung im 17. Jahrhundert. Morgen-Glantz : Zeitschrift der Christian-Knorr-von-Rosenroth-Gesellschaft, 25, 23-50.
Schnabel, W.W. (2012). Literatur oder Literaturen? Sondierungen im ‚literarischen Untergrund‘ des 17. Jahrhunderts. In Richard J. Brunner / Bogdan Maxymtschuk / Alla Paslawska (Eds.), Bayerisch-Ukrainischer Germanistenkongress in München / Kloster Banz: „Die Germanistik um die Jahrtausendwende“. 26.-30. April 2011. (pp. 134-141). Lemberg (Lwiw).
Schnabel, W.W. (2010). Lobpreis und beredtes Schweigen. Nürnberger Handwerkerdichter und der Systemwechsel von 1806. In Wüst Wolfgang, Riedl Tobias (Eds.), Aufbruch in die Moderne? Bayern, das Alte Reich und Europa an der Zeitenwende um 1800 (pp. 91-108). Erlangen: Zentralinstitut für Regionenforschung.
Schnabel, W.W. (2006). Kirchweih in Kraftshof 1641. Volksbelustigung im Spiegel nichtakademischer und akademischer Dichtung. Jahrbuch für fränkische Landesforschung, 66, 51-81.

Zuletzt aktualisiert 2018-16-09 um 12:12