Dezentralisierung in der Arabischen Welt: Eine vergleichende Studie zu Marokko, Tunesien, Ägypten und Jordanien

Drittmittelfinanzierte Einzelförderung


Details zum Projekt

Projektleiter/in:
Prof. Dr. Thomas Demmelhuber
Prof. Dr. Roland Sturm

Projektbeteiligte:
Miriam Bohn
Erik Vollmann

Beteiligte FAU-Organisationseinheiten:
Lehrstuhl für deutsche und vergleichende Politikwissenschaft, Europaforschung und Politische Ökonomie
Lehrstuhl für Politik und Gesellschaft des Nahen Ostens

Mittelgeber: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Projektstart: 01.08.2017
Projektende: 31.07.2020


Forschungsbereiche

Legitimität in nicht-demokratischen Kontexten
Lehrstuhl für Politik und Gesellschaft des Nahen Ostens
Vergleichende Autokratieforschung im Nahen Osten
Lehrstuhl für Politik und Gesellschaft des Nahen Ostens


Abstract (fachliche Beschreibung):


In der Arabischen Welt sind seit den frühen 1990er Jahren auf Regierungsseite verstärkt Dezentralisierungsstrategien zu beobachten, die eine hohe Varianz in Bezug auf Zeitpunkt, Intensität, Erfolg, Reichweite und Folgen aufzeigen. Trotz dieser empirischen Befunde bleibt die internationale Forschung sowohl hinsichtlich der Ursachen als auch der Konsequenzen der Entscheidung für ein Mehr an dezentraler Staatsorganisation weitgehend im Ungefähren.



Unser Forschungsprojekt setzt an diesem Punkt an und thematisiert die Erfahrungen mit Strategien administrativer Dezentralisierung im Kontext einer in der Literatur dargelegten, regionalen Persistenz neopatrimonialer Patronage- und Klientelnetzwerke. Unsere Grundannahme ist dabei, dass Politiken der Dezentralisierung durch klar identifizierbare personelle Netzwerke getragen, angeregt und instrumentalisiert werden. Sie überspannen in einer Verflechtungsbeziehung die zentralstaatliche, regionale und lokale Ebene. Das Entstehen und die Funktion von Dezentralisierungsprozessen sind deshalb mehr als nur Ergebnis einer modifizierten verfassungsrechtlichen Architektur. Ursache des durch Dezentralisierung herbeigeführten politischen Wandels ist eine Neuausrichtung neopatrimonialer Netzwerke, mit welcher eine Territorialisierung von Herrschaft im Zuge zentralstaatlicher Strategien der Aufgabenübertragung erfolgt. Unser Projekt fragt, in welchem Umfang und mit welchen gesellschaftlichen und politischen Folgen solche Dezentralisierungsprozesse Regierbarkeit („governability“) in den vier zu untersuchenden Ländern verändern und damit jenseits des klassischen Motivs der Herrschaftssicherung durch institutionellen Wandel legitimatorische Wirkung entfalten. Indikator und Analysetool der Regierbarkeitsfolgen von Dezentralisierung ist die Steuerung von Budgets und Finanzströmen auf der subnationalen Ebene.



Das Vergleichssample umfasst die Länder Marokko, Tunesien, ägypten und Jordanien. Diese Fälle wurden gewählt, weil sie im arabischen Raum unterschiedlichste Formen, Funktionen und Folgen von Dezentralisierung vorweisen, bei dennoch sehr ähnlichen Ausgangsbedingungen (Tradition zentralisierter Staatsorganisation, ähnliche Pfade der Staatsbildung und Persistenz neopatrimonialer Netzwerke). Das Projekt liefert einen konzeptionellen und empirischen Beitrag zu den noch weitgehend unerforschten Fragen der Dezentralisierung und ihren Folgen in der Arabischen Welt. Wir streben an, jenseits von Landesspezifika der vier untersuchten Fälle, Erklärungszusammenhänge mittlerer theoretischer Reichweite zu identifizieren, die uns erlauben, die innere Logik von Dezentralisierungspolitik im Arabischen Raum im Kontext der vergleichenden Staatsorganisationsforschung erstmals zu verorten.


Publikationen

Demmelhuber, T., Sturm, R., & Vollmann, E. (2018). Decentralization in the Arab world: Conceptualizing the role of neopatrimonial networks. Mediterranean Politics. https://dx.doi.org/10.1080/13629395.2018.1559391
Bohn, M., Demmelhuber, T., Sturm, R., & Vollmann, E. (2018). Dezentralisierung in der arabischen Welt: ein konzeptioneller Zugang. In Europäisches Zentrum für Föderalismus-Forschung Tübingen (Eds.), Jahrbuch des Föderalismus 2018. (pp. 157-171). Baden-Baden: Nomos.
Demmelhuber, T. (2018). Die politische Ordnung in Tunesien und die Beziehungen mit der EU seit 2011: Dezentralisierung als Blaupause?

Zuletzt aktualisiert 2019-07-02 um 10:01