'Ich möchte lieber nicht'. Das Unbehagen mit der Organspende und die Praxis der Kritik. Eine soziologische und ethische Analyse

Drittmittelfinanzierte Einzelförderung


Details zum Projekt

Projektleiter/in:
Prof. Dr. Frank Adloff

Projektbeteiligte:
Dr. Larissa Pfaller

Beteiligte FAU-Organisationseinheiten:
Lehrstuhl für Soziologie mit dem Schwerpunkt Soziologische Theorie
Philosophische Fakultät und Fachbereich Theologie

Mittelgeber: DFG-Einzelförderung / Sachbeihilfe (EIN-SBH)
Projektstart: 01.10.2014
Projektende: 30.09.2016


Kurzbeschreibung (allgemeinverständlicher Überblick):


In Deutschland ist die Praxis des Organspendens hochgradig an die Akzeptanz der Bevölkerung gebunden. Jedoch verweisen beispielsweise Umfragen der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) immer wieder auf die Diskrepanz zwischen genereller Zustimmung und dem tatsächlichen Besitz eines (zustimmend ausgefüllten) Organspendeausweises, welche für den in Deutschland konstatierten "Organmangel" verantwortlich gemacht wird. Hier setzen gesetzliche Regelungen und öffentliche Kampagnen an, welche postulieren, durch gezielte Information eine Meinungsbildung ermöglichen zu können. Dieser Organspende-Diskurs verläuft jedoch auffallend einseitig: Zwar wird Organspende stets als individuelle Entscheidung gerahmt, die jeder und jede für sich selbst treffen soll. Jedoch zielen die Kampagnen vor dem Hintergrund des "Organmangels“ stets auf eine Erhöhung der Spendenbereitschaft ab. Dabei wird die Organspende meist als altruistischer Akt der Nächstenliebe und Geschenk des Lebens gerahmt. Ob diese starken moralischen Imperative Skeptiker der Organspende überzeugt, ist allerdings fraglich, denn in ihrer Eigenlogik sind diese Positionen bisher noch nicht systematisch untersucht worden. Dies hat sich unser Projekt zur Aufgabe gemacht:



In dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt steht dabei nicht nur die Frage im Zentrum, welche Positionen von Nicht-Spender/innen eingenommen werden, sondern auch wie im Alltag mit den Anrufungen und Entscheidungsaufforderungen zur Organspende umgegangen wird und inwieweit für Nicht-Spender/innen hier überhaupt ein angemessener (öffentlicher) Standpunkt angeboten wird. Hierbei fokussiert das Projekt das Spannungsfeld zwischen medialem Diskurs und den zu einer Entscheidung Aufgeforderten: Zum einen werden mit Bürger/innen Einzelinterviews und Gruppendiskussionen durchgeführt, die auch Unsicherheiten, Enttäuschungen, Ängste und Verletzungen thematisieren (soziologisches Teilprojekt). Zum anderen werden deutsche Kampagnen der letzten 20 Jahre mit Methoden der Cultural Studies in moralisch-politischer Hinsicht auf konsistente oder auch implizit widersprüchliche Deutungen untersucht (bioethisches Teilprojekt).



Das Projekt geht davon aus, dass Unsicherheit und Unbehagen legitime Intuitionen sind, die zu moralisch relevanten Standpunkten der Verweigerung, Skepsis und Kritik führen, welche von vielen Bürger/innen auch ethisch reflektiert werden. Hiermit sollen Ansätze entwickelt werden, wie mit pluralen Vorstellungen zur Körperlichkeit und deren Relevanz für die Organspende in einer liberalen Biopolitik umzugehen wäre. Durch die Verknüpfung der Teilprojekte werden sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftspolitisch relevante Ergebnisse erwartet: Einerseits empirische Einsichten zur affektiv-leiblichen und sozialen Ambivalenz des Organspendens, andererseits eine bioethische Analyse der öffentlichen moralischen Aufforderungen sowie die Weiterentwicklung sozialtheoretischer und normativer Ansätze, die zur Reflexion der gesellschaftlichen Rolle der Transplantationsmedizin beitragen.



Externe Partner

Georg-August-Universität Göttingen

Zuletzt aktualisiert 2018-22-11 um 18:41