Jenseits von Kiel. Wissenschaftsgeschichte der quantitativ-theoretischen Wende in der deutschsprachigen Geographie aus Perspektive historischer Netzwerkanalyse und ungleicher Geographien

Drittmittelfinanzierte Einzelförderung


Details zum Projekt

Projektleiter/in:
Dr. Boris Michel

Projektbeteiligte:
Anna Katharina Paulus

Beteiligte FAU-Organisationseinheiten:
Institut für Geographie

Mittelgeber: DFG-Einzelförderung / Sachbeihilfe (EIN-SBH)
Projektstart: 01.01.2016
Projektende: 31.12.2019


Abstract (fachliche Beschreibung):


Das, was in der Geschichtsschreibung der deutschsprachigen Geographie als >quantitativen Revolution< firmiert, markiert auf der Ebene von Wissenschaftstheorie und wissenschaftlicher Praxis einen der wesentlichen Transformationsmomente der Disziplin. Zugleich steht für die deutschsprachige Geographie eine fundierte historiographische Auseinandersetzung mit der quantitativ-theoretischen Wende aus. Im Gedächtnis der Disziplin wie es sich in überblickswerken, Einführungen, theoretischen Grundlegungsversuchen, aber in informellen Erzählungen ausdrückt, wird diese auf einige wenige Ereignisse reduziert (insbesondere Geographentag in Kiel 1969 und Dietrich Bartels' Habilitation). Diese Betrachtungsweise hält einer genaueren historischen Untersuchung nicht stand und produziert ein Narrativ, das in problematischer Weise vereinfacht und geglättet ist. Ausgehend von neueren Ansätzen in der Wissenschaftsgeschichte und Projekten zur anglophonen Geographie, welche Wissenschaften als soziale, verkörperte, materielle und lokalisierte Praxis begreifen, zielt das Forschungsvorhaben darauf, die Geschichte der quantitativ-theoretischen Wende in der bundesdeutschen Geographie als einen komplexeren, heterogeneren und widersprüchlicheren Prozess zu beschreiben. Es füllt damit eine zentrale Leerstelle in der Auseinandersetzung mit Disziplingeschichte.Hierfür wählt das Projekt einen zweistufigen Zugriff auf seinen Gegenstand: 1) In Form einer historischen Netzwerkanalyse, welche systematisch und auf die Breite gerichtet das Feld der deutschsprachigen Geographie der 1950er bis 1970er Jahre untersucht. Die Historische Netzwerkforschung bietet, als ein exploratives Verfahren zur Beschreibung von Relationen, Positionen und Interaktionen in Netzwerken aus Personen, Institutionen und Wissen die Möglichkeit, ex post formulierte und produzierte Erzählungen über zentrale Akteure und Ereignisse zu destabilisieren. 2) Ausgehend hiervon wird in Form einer lokalen und ortsbezogenen Perspektive deutlich zu machen sein, dass jenseits der dominanten Erzählung eines einheitlichen Paradigmas dieser neuen Geographie eine Reihe lokaler >quantitativer Revolutionen< stattgefunden haben, die eigenständige und widersprüchliche Verständnisse produziert haben. Diese lokalen Realisierungen eines quantitativ-theoretischen Denkens in der Geographie haben eine vielfältigere Praxis hervorgebracht, als dies in den konzeptionellen Begründungstexten expliziert wurde. Eine historiographische Auseinandersetzung mit der quantitativ-theoretischen Wende ist sowohl aus einem disziplinhistorischen Interesse (im Sinne der Notwendigkeit eines adäquaten Verständnisses der Historizität der eigenen Theorien und Konzepte) als auch aus aktuellen Problemen heraus (die sich im Rahmen einer neuen quantitativen Wende und Big Data abzeichnen und bisher weitestgehend ohne Bezüge zur historischen Debatte geführt werden) dringlich geboten.

Zuletzt aktualisiert 2019-02-04 um 15:49